Über das Fasten

Was haben Fasten und Humor gemeinsam? – Auf den ersten Blick nicht allzu viel. Denn wer würde etwas Unangenehmes wie Fasten schon mit etwas Lustigem wie den Humor in Verbindung bringen? – Auf den zweiten Blick allerdings eine ganze Menge: Sowohl der Humor wie auch das Fasten sind eine Eigenschaft bzw. eine Tätigkeit, die uns Menschen auszeichnet. Kein Tier ist in der Lage humorvoll zu sein – abgesehen davon, dass wir natürlich dennoch oft über sie lachen, aber das ist eben Ausdruck unseres Humors – und Tiere können sich auch nicht, ohne dass sie eine Krankheit oder andere körperliche Notwendigkeit dazu zwingt, bewusst dafür entscheiden, nichts zu essen, obwohl sie Hunger und Nahrung hätten. Zu beidem sind nur wir Menschen in der Lage, und beides kann uns, wenn wir uns darauf einlassen, menschlicher machen.

Diese Feststellung ist wichtig, um Fasten von dem abzugrenzen, was es für uns Christen nicht ist: nämlich der religiöse Versuch, sich durch Selbstkasteiung aus eigener Kraft Gott anzunähern. Sich Gott anzunähern ist von Seiten des Geschöpfes immer zum Scheitern verurteilt, weil eine unendliche Distanz nicht durch etwas Endliches verringert, geschweige denn überwunden werden kann. Das kann allein Gott und er hat es in Jesus Christus ein für alle Mal getan. Unsere Anstrengungen haben dem nichts mehr hinzuzufügen. Wir müssen Gott durch Verzicht nicht beeindrucken. 

Dennoch spielt das Fasten in der Bibel – wie übrigens auch der Humor – von Anfang an eine nicht unbedeutende Rolle: Mose fastet 40 Tage und Nächte, bevor ihm der Herr die zehn Gebote überreicht (Deut 10,10). Das ganze Volk fastet, als Israel von Benjamin geschlagen wurde (Ri 20,26). David fastet für das Leben seines ungeborenen Kindes mit Batseba (2 Sam 12,16). Juda fastet als Moab und Ammon in den Kampf gegen es ziehen (2 Chr 20,3). Ninive und sein König fasten, um den Herrn von dem durch Jona angedrohten Strafgericht abzubringen (Jona 3,5). Das Haus Juda kennt ein Fasten des vierten, des fünften, des siebten und des zehnten Monats (Sach 7,5; 8,19). Daniel fastet drei volle Wochen, um das Wort einer Offenbarung zu verstehen (Dan 10,3). Ester ruft ihre Landsleute auf, für sie drei Tage und drei Nächte lang nichts zu essen und zu trinken (Est 4,16). Der Herr selbst schließlich geht in die Wüste und fastet 40 Tage und Nächte bevor er sein öffentliches Wirken beginnt (Mt 4,2). 

All diese Beispiele lassen einen gemeinsamen Aspekt von Fasten und Verzicht erkennen: Es geht darum, im Fasten, also dem Verzicht auf Nahrung, die ja auch etwas Materielles ist, einen Raum zu schaffen für etwas Geistliches. Das Weglassen von etwas Materiellem soll Platz machen für etwas Nicht-Materielles, Geistliches, und so die Möglichkeit schaffen, Gottes geistliche Macht in besonderer Form sichtbar werden zu lassen. Und so wie das im Alten Testament ganz handgreiflich von Gottes Wirken im äußeren, persönlichen wie weltpolitischen Geschehen erhofft wird, dürfen wir das auch heute ganz konkret auf unser Leben beziehen: durch den Verzicht auf körperliche Nahrung schaffen wir einen geistlichen Raum, der es Gott ermöglicht, uns mit seiner geistlichen Nahrung zu versorgen.

In seiner Antwort auf die Frage, warum seine Jünger nicht fasten, während doch die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasten, bringt Jesus aber noch einen anderen Aspekt christlichen Fastens ins Spiel, wenn er seinerseits die Frage stellt: „Können etwa die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann, an jenem Tag, werden sie fasten“ (Mk 2,18-20).*

Jesus hebt hier das Fasten in seiner Nachfolge noch einmal auf eine neue Ebene: Er vergleicht es mit jener körperlichen Reaktion, die wir empfinden, wenn wir um jemanden trauern oder Liebeskummer haben. Die Jünger Christi werden fasten, weil sie aus Kummer um die Abwesenheit ihres Herrn keinen Appetit mehr haben zu essen. Fasten wird zu einem Ausdruck der Trauer, weil Jesus seinen Jüngern fehlt!

Auf unsere Situation übertragen: Nicht jeder Hunger kann durch sichtbare Nahrung gestillt werden. Es gibt eine Sehnsucht in jedem von uns, die nach mehr verlangt und nur vom Herrn selbst gestillt werden kann. Jesus sehnt sich danach, diesen Hunger nach ihm zu stillen, wenn wir ihm Gelegenheit dazu geben und endlich darauf verzichten, ihn ständig mit jener Nahrung zu betäuben, die nur unseren Körper zu sättigen vermag.

Und dabei scheint auch der Herr jenen Zusammenhang im Blick zu haben, von dem wir eingangs gesprochen haben: „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht…“(Mt 6,16f).

In diesem Sinne wünschen wir Dir eine humorvolle,
gesegnete & von Ihm erfüllte Fastenzeit.

* Vertiefen? – Johannes Hartl: „Fasten. Rezepte eines Gourmets“
https://shop.gebetshaus.org/vortraege/donnerstag-abend/5142/fasten.-rezepte-eines-gourmets